Die Ergänzung zur westlichen Medizin

In jeder Sekunde bilden sich Millionen von Zellen, während ebenso viele absterben. In einem Jahr werden so mehr als 98 % aller Atome unseres Körpers ausgetauscht. Der Körper ist also ein sich stetig wandelndes System. Wenn jedoch alles in unserem Organismus einem ständigen Fluss von Austausch und Erneuerung unterliegt, warum altern und erkranken wir dann?

Ayurveda und das Alter

Altern wird aus wissenschaftlicher Sicht als Fähigkeit zur Homöostase, also zur Selbstregulation definiert, welche Stoffwechselvorgänge und DNA einschließt1.  Ayurveda als Naturheilverfahren beschäftigt sich vor allem mit der Vorbeugung von Krankheiten und fördert die Selbstregulation, die zu einem gesunden Alterungsprozess führt2.

Das Altern ist aus ayurvedischer Sicht ein natürlicher Teil des Lebens, doch man kann laut Ayurveda durchaus gesund altern. Zu Krankheiten kommt es dann, wenn die drei Doshas, die sieben Dhatus (Gewebestrukturen: Plasma, Blut, Muskeln, Fett, Knochen, Knochenmark und reproduktivem Gewebe), Agni (das Verdauungsfeuer) und die Malas (Metabolische Abfälle: Fäkalien, Urin und Schweiß) nicht ausbalanciert sind3.

Die Doshas stellen im Ayurveda einen grundlegenden Regulationsansatz dar und sind in allen Zellen, Gewebestrukturen und Organen wirksam. Zusammen mit den Dhatus, den Malas und emotionalen Faktoren erschaffen sie das einzigartige Wesen einer Person, welches auch als Prakruti bezeichnet wird. Das individuelle Prakruti eines Menschen reflektiert seine natürliche Charakteristiken. Dazu gehören neben dem Metabolismus auch der geistige Zustand, das Immunsystem, die inneren Stärken und Schwächen und Neigungen4.

Es geht also bei diesem Naturheilverfahren hauptsächlich darum, eine Balance zwischen den Doshas zu schaffen, indem wir lernen, Symptome eines Ungleichgewichts zu erkennen und zu verstehen, welches Dosha sie verursacht hat und wie wir wieder ins Gleichgewicht kommen können. So kann unser Black Sense Chai Kapha-Typen mehr Energie geben und Vata-Typen von Innen heraus wärmen, während du bei einer Pitta-Unausgeglichenheit besser auf Chai verzichten solltest, denn die im Chai enthaltenen Gewürze wirken sonst verstärkend auf dein inneres Feuer. Ayurveda kann dir dabei helfen, mehr Achtsamkeit für die Balance zwischen deinem Körper und deinem Geist zu kultivieren, sodass du mit ein wenig Übung ganz genau spürst, was dir gerade guttut und was nicht.

Ayurveda als individuelle Methode

Als personalisiertes Naturheilverfahren erkennt Ayurveda an, dass jeder Mensch anders ist und individuelle tägliche Praktiken benötigt, die seinem Geist-Körper-Typ entsprechen. Das bestätigen auch moderne Konzepte der Genomforschung, die individuelle Variationen in Genen und der Genausprägung identifizieren und dabei auch Aufschluss über die Tendenz zu bestimmten Krankheiten geben können5.

In einer Genotypisierungsstudie konnte außerdem eine bedeutende Korrelation zwischen Genotypen und Prakruti-Typen festgestellt werden6.

Viele Gesundheitspraktiken, die ihren Weg in die westliche Welt gefunden haben, haben ihre Wurzeln im Ayurveda und werden mit positiven Wirkungen, wie der Beruhigung des Nervensystems, der Unterstützung des Gewebes und der Organfunktion, der Stärkung des Immunsystems, einer Verbesserung der Verdauung und des Metabolismus in Verbindung gebracht.

Hier einige Beispiele7:

  • Verdauungsfördernde Praktiken, wie Ölziehen, Zungenschaben, warmes Wasser, bestimmte Gewürze, intermittierendes Fasten, Spaziergänge nach den
  • Mahlzeiten und eine saisonale Ernährung
  • Praktiken, die Gewebe und Haut nähren, wie Trockenbürsten, Selbstmassagen und die Einnahme gesunder Öle
  • Anpassung des täglichen Ablaufs an die natürlichen Tag- und Nachtrhythmen, das Einnehmen der größten Mahlzeit am Mittag und das Reduzieren der
  • Aktivitäten am Abend für einen guten Schlaf
  • Praktiken, die den Geist beruhigen, wie Meditation, entspannendes Yoga und Atemübungen
  • Periodische Entgiftung, wenn die Saison sich ändert und in stressigen Phasen, um das System zu reinigen und die Verdauung zu verbessern
  • Gesunde Kräuter und Gewürze, die die Verdauungsenzyme und -prozesse aktivieren

Geschmacksrichtungen im Ayurveda

Im Ayurveda wird zwischen 6 Geschmacksrichtungen entschieden, die als “Rasas” bezeichnet werden, und unterschiedliche Auswirkungen auf Körper und Geist haben8:

  • süß (Madhura)
  • sauer (Amla)
  • salzig (Lavana)
  • scharf (Katu)
  • bitter (Tikta)
  • Zusammenziehend bzw. herb (Kashaya)

Die Wirkung der verschiedenen Geschmäcker kann je nach Dosha-Konstitution sowohl positiv als auch negativ sein, entscheidend ist die Menge. Aus Sicht der ayurvedischen Lehre sollte jede Geschmacksrichtung bei guter Konstitution etwas zu gleichen Teilen in der Nahrung enthalten sein.

Jeder Geschmacksrichtung lassen sich Eigenschaften zuordnen, die aufbauend oder abbauen bzw. destruktiv wirken können:

Süß (Madhura):
Süße Nahrungsmittel wirken vor allem auf der emotionalen Ebene. Sie sorgen für Freude, Zufriedenheit und Geborgenheit und wirken kräftigend und beruhigend. Verbunden ist diese Geschmacksrichtung mit den Elementen Erde und Wasser. Sie wirkt Kapha aufbauend und Vata und Pitta reduzierend. Bei übermäßigem Verzehr kann es auf geistiger Ebene zu Wunschdenken und Anhaftung und auf körperlicher Ebene zur Gewichtszunahme kommen.

Folgende Lebensmittel werden u.a. der süßen Geschmacksrichtung zugeordnet: Karotten, Gebäck, süßes Obst, Honig und Rohrohrzucker, Nudeln, Reis und Brot.

Sauer (Amla):
Die saure Geschmacksrichtung weckt den Geist, schärft die Sinne und setzt wichtige Enzyme und Hormone frei. Verbundene Elemente sind Feuer und Erde. Sauer stärkt Kapha und Pitta und verringert Vata. Saure Nahrungsmittel wirken verdauungsfördernd, reinigend, appetitanregend, Organ-stärkend und regen die Speichelproduktion an. Wird dem Körper zu viel Säure zugeführt, kann es auf körperlicher Ebene zu Durst, Muskelschwäche, Durchfall und Entzündungen kommen.

Folgende Lebensmittel werden u.a. der sauren Geschmacksrichtung zugeordnet: Zitronen, Tomaten, saures Obst.

Salzig (Lavana):
Salzige Lebensmittel beruhigen die Nerven und lindern Gefühle von Angst. Sie stärken das Verdauungsfeuer, regen den Appetit an, erweitern und reinigen die Körperkanäle und wirken harntreibend. Außerdem fördern sie die Schweißproduktion und wirken abbauend auf das Gewebe. Die salzige Geschmacksrichtung verstärkt Pitta und Kapha und reduziert Vata. Im Übermaß führt Salziges zu Energielosigkeit, Wut, Ungeduld und Gier. Auf körperlicher Ebene kann es zu Wasseransammlungen, Durst, Fieber, Entzündungen, erhöhtem Blutdruck, Ekzemen und Gicht kommen.

Neben Salz sind Algen sehr salzhaltig.

Scharf (Katu):
Scharfes weckt die Sinne, belebt und öffnet den Geist. Der Stoffwechsel wird angeregt, scharfe Nahrungsmittel wirken wärmend und fördern den Energiefluss, sowie den Abbau von Fettgewebe. Scharfes kann zu Tränen führen, regt den Appetit an, fördert den Speichelfluss, reinigt den Mund und stärkt die Organe. Scharfe Lebensmittel verstärken Vata und Pitta und reduzieren Kapha. Bei übermäßigem Verzehr kann diese Geschmacksrichtung zu Wut und Ungeduld führen und die Körperkraft negativ beeinflussen. Fortpflanzungssäfte werden abgebaut und Rücken- und Hüftschmerzen, Ohnmachtsgefühle, Magerkeit, Müdigkeit, Schwindel, Zittern, Durst und Erbrechen können die Folge sein.

Zu den scharfen Lebensmitteln gehören beispielsweise: Ingwer, schwarzer Pfeffer, Chili, Radieschen, Rettich, Zimt und Nelken.

Bitter (Tikta):
Bitteres reinigt die Sinne und die Emotionen und kann abmagernd und trocknend wirken. Außerdem können bittere Nahrungsmittel den Appetit fördern, das Blut reinigen, Fett reduzieren, Verdauung und Bewegung fördern und bei Fieber, Brennen und Jucken helfen. Vatta wird verstärkt, während Pitta und Kapha durch bittere Lebensmittel reduziert werden. Zu viel dieser Geschmacksrichtung kann zu Schwindel, Kräfteverlust, einem ausgetrockneten Mund und Kopfschmerzen führen.

Der bittere Geschmack wird u.a. folgenden Lebensmitteln zugeordnet: Chicorée, Kurkuma, Zimt, Kardamom, Rhabarber, Kümmel.

Zusammenziehend bzw. herb (Kashaya):
Zusammenziehende Nahrungsmittel kühlen den Geist und wirken Energielosigkeit entgegen. Gleichzeitig können sie Angst, Sorgen und Schlaflosigkeit fördern. Herber Geschmack wirkt kühlend, lindernd, blutreinigend und abbauend bzw. aufsaugend auf das Gewebe. Während Vata verstärkt wird, werden Pitta und Kapha reduziert. Zusammenziehende Lebensmittel können im Übermaß zu Blähungen, Schwäche, Durst, Abmagerung, Verstopfung, blockierten Kanälen und Herzschmerzen führen.

Beispiele für herbe Nahrungsmittel sind u.a.: unreife Bananen, Spinat, Erbsen, Linsen, Koriander, Sellerie, Brennnessel und Maismehl.

Quelle:
1Höhn, H. (2002). Langlebigkeit und Altern: Gene oder Umwelt? Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft, [online] 91(3), pp.237–258. Available at: https://link.springer.com/article/10.1007/BF03190765 [Accessed 5 Nov. 2020] 2Garg K.G., Meenakshi S., Ramesh K. Medical and socio-economic problems of old age people and their management. Int Ayurvedic Med J. 2015;3:165–175
3Parasuraman S, Thing GS, Dhanaraj SA. Polyherbal formulation: Concept of ayurveda. Pharmacognosy Reviews 2014;8(16):73‐80. [PUBMED: 25125878] 4Purvya M.C., Meena M.S. A review on role of prakriti in aging. Ayu. 2011;32:20–24.)) ((Singhal A., Gupta K. Process of ageing – an ayurvedic perspective. J Ayurveda Integr Med Sci. 2016;1:78–82.)) ((Ninivaggi F.J. vol. 3. Rowman & Littlefield Publishers, Inc; 2010. pp. 59–85. (A comprehensive guide to traditional Indian medicine for the west-anatomy))
5 (Patel, S. (2020). Ask Dr. Sheila: What Is Ayurveda? [online] Chopra. Available at: https://chopra.com/articles/ask-dr-sheila-what-is-ayurveda [Accessed 4 Nov. 2020].))
6(Traditional Medicine to Modern Pharmacogenomics: Ayurveda Prakriti Type and CYP2C19 Gene Polymorphism Associated with the Metabolic Variability.
Ghodke Y, Joshi K, Patwardhan B. Evid Based Complement Alternat Med. 2011; 2011():249528.))
7(Patel, S. (2020). Ask Dr. Sheila: What Is Ayurveda? [online] Chopra. Available at: https://chopra.com/articles/ask-dr-sheila-what-is-ayurveda.))
8(Schumann, D. (2020). Ayurveda Geschmacksrichtungen – So schmeckt gesund – Dania Schumann. [online] Dania Schumann. Available at: https://daniaschumann.com/ayurveda-geschmacksrichtungen-so-schmeckt-gesund/.))